Sowjetisches Ehrenmal, Berlin-Tiergarten, #unteilbar, 13. Oktober 2018

Die Art der Gnade

HISTOX Zeit und Geschichte

Sowjetisches Ehrenmal, Berlin-Tiergarten, Straße des 17. Juni
#unteilbar, 13. Oktober 2018. Foto: Histox

Was macht man, wenn man überwiegend zuhause ist und sein Leben den Einschränkungen anpasst? Ich sehe mir unter anderem alle Folgen der britischen Krimiserie Lewis an; in chronologischer Reihenfolge, soweit sie auf YouTube zur Verfügung stehen. Folge 9 aus dem Jahr 2009 heißt The Quality of Mercy, auf Deutsch Mörder in eigener Regie, was schrecklich altbacken klingt. 1978 gab es eine Folge von Columbo Mord in eigener Regie. Das Original damals hieß Make Me A Perfect Murder.

The Quality of Mercy.., so beginnt der Monolog der Portia in Shakespeares Der Kaufmann von Venedig, 4. Akt, 1. Szene. Der Kaufmann Antonio, ein Christ, hat sich 3000 Dukaten von Shylock, einem Juden, geliehen. Weil Antonio das Geld nicht zurückzahlen kann, macht Shylock das vereinbarte Pfand geltend: Er will ein Pfund Fleisch bei lebendigem Leib aus Antonio herausschneiden. Portia, die designierte Braut von Antonios Freund Bassanio, tritt verkleidet als junger Advokat auf und versucht mit ihrem Plädoyer, Shylock von der Bedeutsamkeit der Gnade zu überzeugen.

… des Himmels milder Regen

Von dem Stück, das etwa 1597 verfasst wurde, gibt es bei YouTube zwei Inszenierungen: Auf Deutsch die Produktion von WDR und ORF aus dem Jahr 1969 mit Fritz Kortner als Shylock und Sabine Sinjen als Portia (Monolog ab 1:52:00); auf Englisch die des National Theatre von 1973 mit Sir Laurence Olivier als Shylock und Joan Plowright als Portia (Monolog ab 1:31:00).

August Wilhelm Schlegel (1767-1845) hat 17 Dramen von William Shakespeare ins Deutsche übertragen. Dieser schrieb: The quality of mercy is not strained. It droppeth as the gentle rain from heaven. Schlegel übersetzte: Die Art der Gnade weiß von keinem Zwang. Sie träufelt wie des Himmels milder Regen.

Das ZDF, das sowohl Lewis als auch Columbo zeigte, möge bitte seinem öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag nachkommen und Folge 9 umbenennen. Schlegels Worte hülfen, den Rauschglotzer* die ausgeklügelten Ermittlungen von Inspector Lewis und Sergeant Hathaway in Oxford näher zu bringen.

Art ist für Schlegel nicht die Art und Weise, das Wie, sondern die Wertigkeit, die Qualität. Arete war in der griechischen Antike die Tugend, die Tauglichkeit der Seele. Gnade zeigen ist eine Qualität, die Shylock nicht besitzt. Er will sein Recht. Durch einen juristischen Trick verliert er stattdessen die Hälfte seines Vermögens und muss sich taufen lassen.

Es ist eine Sache, Gnade zu zeigen. Eine andere ist es, die erwiesene Gnade zu schätzen, die Fähigkeit, demütig und dankbar zu sein. Die Unfähigkeit dazu geht einher mit der Unfähigkeit zu trauern.

Bersarin erlaubt Gottesdienste, Kino, Restaurantbesuche

In seinem Befehl Nr. 1 vom 28. April 1945 bestimmte Nikolai Bersarin, der sowjetische Stadtkommandant für Berlin, unter Punkt 9: a) Der Betrieb von Vergnügungsstätten (Kino, Theater, Zirkus, Stadion), b) Gottesdienste in den Kirchen, c) der Betrieb von Restaurants und Gaststätten ist bis 21 Uhr Berliner Zeit erlaubt.

Diese knappen Worte waren ein Meilenstein auf dem Weg zur Demokratie nach 1945, zur offenen Gesellschaft, der wir uns erfreuen, wenn nicht gerade Corona ist. Im Moment wird über jede dieser in Punkt 9 genannten Versammlungsformen intensiv gerichtlich und medial gestritten: Was ist zulässig? Wie viele Menschen dürfen an einem Gottesdienst teilnehmen? Wie viel Abstand zwischen zwei Restaurant-Tischen? Reichen die Schutzmaßnahmen der Deutschen Fußball-Liga aus für Geisterspiele? Völlig zurecht laufen diese Auseinandersetzungen, denn jede Gesellschaft konstituiert sich dadurch, dass Menschen zusammenkommen können.

Erst am 2. Mai ging der Krieg in Berlin mit der Kapitulation von General Weidling zuende. Bersarin legte ein paar Tage vorher die Grundlagen für eine neue Gesellschaft, die die Volksgemeinschaft überwinden sollte. Das, was in den Monaten vor Kriegsende in Deutschland existierte, war keine Gesellschaft mehr. Seit Herbst 1944 waren fast alle Theater geschlossen. Immer mehr Kinos waren zerstört. Gottesdienste waren Veranstaltungen, in denen die Volksgenossen* zwischen Selbstbezichtigung und Selbstmitleid schwankten, stets überwacht von Gestapo und freiwilligen Denunzianten*. Die Fußball-Meisterschaft wurde abgebrochen. Wenn man sich versammelte, dann als Volkssturm oder Flüchtlingstreck, niemals freiwillig und friedlich.

Mit allen Mitteln führte Nazideutschland vier Jahre lang einen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, mordete, hungerte aus, brannte Städte nieder, verschleppte Zwangsarbeiter*. Bis heute sind die meisten Deutschen ungnädig, dass die Sowjets auf ihrem Weg nach Berlin und in den Jahren als Besatzungsmacht den hohen Anforderungen an Freundlichkeit und Umgangsformen nicht stets zur vollsten Zufriedenheit entsprachen.

Aufrechnen, hochrechnen, vorrechnen, abrechnen

Wir wissen, wie die USA reagiert haben, als 2001 etwa 3000 Menschen auf ihrem Staatsgebiet ermordet wurden; es waren auch nach konservativen Berechnungen mindestens 20 Millionen Sowjetbürger. Demut auf deutscher Seite angesichts dieser Zahl, gar Dank und Freude über die schier übermenschliche Gnade von 1945, gewährt im Zustand vollkommener Wehrlosigkeit, sind bis heute undenkbar, weder als Staatsräson noch als zivilgesellschaftlicher Impuls. Stattdessen wird aufgerechnet, hochgerechnet, vorgerechnet und abgerechnet: Die Gebietsverluste, die Reparationen, die Kriegsgefangenen, die Speziallager, die Vergewaltigungen. Das ist beschämend und gefährlich.

Die Ablehnung und Verachtung der Befreiung durch die Sowjetunion ist das erste Einfallstor für die Relativierung und Leugnung der NS-Verbrechen. Dieses Feinbild ist alt, so alt wie Stalingrad und Oder-Neiße-Linie. Gleichwohl läßt es sich perfekt mit tagespolitischen Themen verknüpfen. Einen Höhepunkt erlebte diese Vorgehensweise 2014, als die Berliner Tageszeitung B.Z. aus dem Hause Springer/Döpfner forderte: Weg mit den Russen-Panzern am Brandenburger Tor.

Anlass war – natürlich – die Situation in der Ukraine. Die Entwicklung dort ist suboptimal, weil Außenpolitik in Europa seit 1991 suboptimal betrieben wurde. Russland, das sich übervorteilt und von der NATO bedrängt fühlt, beruft sich auf historische Rechte, legitime Interessen und die normative Kraft des Faktischen. Diese Selbstermächtigung geht einher mit dem ständigen Bruch des Völkerrechts und schweren Menschenrechtsverletzungen. Russland trägt wie viele andere Akteure in diesem Neuen Großen Spiel zu Destabilisierung, Flüchtlingsleid und Unterminierung internationaler Organisationen bei.

Eine geschichtspolitische Perfidie

Diese Krise allerdings mit der Befreiung Deutschlands 1945 zu verknüpfen ist eine geschichtspolitische Perfidie. Der Friedensbewegung wird regelmäßig entgegengehalten, Auschwitz sei nicht mit Lichterketten befreit worden. Das stimmt, es waren sowjetische Panzer. Zwei davon stehen an der Straße des 17. Juni. Sie lassen sich mit den russischen Panzern in der Ukraine nicht annullieren.

Die Unfähigkeit, die sowjetische Art der Gnade anzunehmen, speist sich aus zwei Quellen. Für den deutschen Weststaat war Antikommunismus/Antisowjetismus eines der entscheidenden Vehikel für den Aufbau einer Demokratie: Wir sind demokratisch, weil wir Antikommunisten* sind, lautete ein Leitsatz. Weil wir demokratisch sind, müssen wir über die NS-Zeit nicht reden, ein anderer. Die Entspannungspolitik, die Abschwächung des Antikommunismus, schuf ab 1970 neue Spielräume für die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen; Zugang zu Akten in Archiven der Warschauer-Pakt-Staaten zum Beispiel. Nach 1989 interessierte im Westen fast keinen, was die Menschen in der DDR über und mit den Sowjets gelernt hatten; Russisch als Fremdsprache, Studienaufenthalte, der unerschöpfliche Reichtum der russischen Literatur und des sowjetischen Kinos, kaum etwas davon fand Beachtung.

Die andere Ursache dieser Unfähigkeit zur Demut ist die untrennbare Verknüpfung der nationalsozialistischen Vernichtung von Juden* und Kommunisten*, nicht nur in der Sowjetunion. Der Antisemitismus im NS hatte seine „antikapitalistischen“ Versatzstücke, aber weltanschaulicher Hauptfeind war der „jüdische Bolschewismus“. Wer entsetzt oder verwundert ist, dass der Antisemitismus in Deutschland zunimmt bzw. sichtbarer wird, muss sich auch mit der tiefen inneren Distanz zur Sowjetunion, der Unfähigkeit, über diese Opfer zu trauern und dem Mangel an Demut für diese Hilfe beim Wiederaufbau auseinandersetzen. Der Antisemitismus ist bis heute im Antikommunismus verborgen wie das Gewitter in der Wolke.

Die Gnade, Gesellschaft werden zu dürfen

Eine Möglichkeit, mit dieser empathiearmen Tradition zu brechen, böte Nikolai Bersarin, der im Juni 1945 bei einem Verkehrsunfall in Berlin-Friedrichsfelde ums Leben kam. Er und sein Befehl Nr. 1 Punkt 9 könnten ein deutscher „Erinnerungsort“ werden. Bis heute ist Bersarin lediglich ein Berliner Lokalphänomen. Die DDR machte ihn 1975 zum Ehrenbürger von (Ost)-Berlin. Diese Würde wurde ihm 1992 entzogen. 2003 nahm ihn der Senat in die Liste der Ehrenbürger wieder auf. Kritiker* versuchen, jenen großen ersten Schritt zu einer (nazi-)freien deutschen Gesellschaft dadurch kleinzureden, dass Bersarin mit diesen Maßnahmen lediglich seine Pflicht erfüllt habe; was im Umkehrschluß bedeuten würde, dass er damit die Vorgaben des Generalissimus Stalin umgesetzt hat.

Sportveranstaltungen und Kinobesuche dienen nicht nur der Freizeitgestaltung, sondern auch der Menschwerdung. Gottesdienste in Synagogen, Moscheen, Kirchen und anderen Tempeln sind ein Grundrecht. Das Verbot, sich freiwillig zu einem frei gewählten Zweck friedlich zu versammeln, wird in diesen Wochen als besonders schmerzlich empfunden.

Auf dem Tiefpunkt der deutschen Geschichte übte die Sowjetunion die Art der Gnade. Daher 75 Jahre nach der Befreiung Dank und Demut gegenüber jenen, die im April 1945 in den Deutschen mehr sahen als nur eine Ansammlung von Tätern*, Komplizen*, Mitläufern*, Mitwissern* und Volksgenossen*, die eine neue deutsche Gesellschaft für möglich hielten, als der Krieg noch nicht zu Ende war.